Eine aufschlussreiche Darstellung des Phänomens der Mehrsprachigkeit! Wie ist das Verhältnis zwischen Sprache und Unbewusstem? Was geschieht, wenn man in mehreren Sprachen spricht, denkt, träumt? Aktuelle und bedeutungsvolle Entwicklungen aus der klinischen Psychoanalyse und der Psycholinguistik - beeinflusst durch die jüngsten Entwicklungen in den Neurowissenschaften - werden in diesem Buch diskutiert. In einer immer dynamischeren Welt, in der sich Begegnungen zwischen verschiedenen Kulturen und sprachlichen Traditionen multiplizieren, ist das erstmals in deutscher Übersetzung vorliegende Buch von größter Bedeutung.
Jacqueline Amati Mehler wurde in Barcelona in eine österreichisch-jüdische Familie geboren. Ihre Eltern Marco Mehler und Regina Rosenbach stammten aus der Bukowina (Österreich-Ungarn) und waren Ende der 1920er Jahre mit ihren beiden älteren Kindern Sidonia und Roberto nach Spanien ausgewandert. Ihr Vater begründete in Barcelona ein international erfolgreiches Textilunternehmen. 1937 zog die Familie nach Paris und emigrierte ein Jahr später nach Argentinien. Jacqueline Mehler studierte in Buenos Aires Medizin und wurde 1959 zum Dr. med. promoviert. Anschließend ging sie mit ihrem Mann, dem Molekularbiologen Paolo Amati (1933-2020), nach Boston, wo sie sich an der Harvard Medical School als Psychiaterin und Psychotherapeutin für Kinder und Erwachsene spezialisierte. In Boston wurde 1961 ihre Tochter Alexandra geboren.
1964 übersiedelte Jacqueline Amati Mehler mit ihrer Familie nach Italien. Sie machte eine Analyse bei Eugenio Gaddini und absolvierte in Rom ihre psychoanalytische Ausbildung bei der Società Psicoanalitica Italiana (SPI). Sie war Mitglied der SPI, bis sie sich 1992 an der Gründung der Associazione Italiana di Psicoanalisi (AIPsi) beteiligte. Von 1994 bis 1999 war sie Präsidentin der AIPsi und von 2002 bis 2008 Direktorin des Lehrinstituts. Sie gründete 1997 auch die Zeitschrift der AIPsi Psicoanalisi. Außerdem amtierte sie von 1989 bis 1993 als Generalsekretärin und von 1997 bis 2001 als Vizepräsidentin der IPA. Zwischen 1997 und 2001 war sie Vorsitzende des Committee on Psychoanalytic Education.
Zu Jacqueline Amati Mehlers wichtigsten Arbeiten gehört das 1990 gemeinsam mit Simona Argentieri und Jorge Canestri veröffentlichte Buch La Babele dell'inconscio [Das Babel des Unbewussten], in dem es um Mehrsprachigkeit und die damit verbundenen Spaltungsprozesse geht. Weitere Themen Amati Mehlers sind männliche Impotenz, die sie als Symptom eines misslungenen Loslösungs- und Individuationsprozesses deutet, und das Verhältnis von Kunst und Psychoanalyse. 1998 erhielt sie den Sigourney Award für bedeutende Leistungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse.
Simona Argentieri, M.D., ist Mitglied der IPA und Lehranalytikerin der Italienischen Psychoanalytischen Vereinigung. Arbeitsschwerpunkte: Körper-Geist-Beziehung, psychosexuelle Entwicklung, weibliche Identität, Beziehung zwischen Psychoanalyse, Kultur und Kunst.
Jorge Canestri, M.D., ist Psychiater, Lehranalytiker der Italienischen Psychoanalytischen Vereinigung und der Argentinischen Psychoanalytischen Vereinigung, Mitglied der IPA sowie Berater für Gesprächsanalyse und Multilinguistik in mehreren Forschungsprogrammen. Er ist derzeit Direktor des Instituts für Psychoanalyse der Italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft.
REZENSION:
“Auf der zentralen Bedeutung von Sprache und Sprechen für die Psyche hat Freud seine Theorie und noch viel mehr seine Behandlung aufgebaut. Doch obwohl die Psychoanalyse seit ihren Anfängen eine internationale Angelegenheit war und mit den verschiedensten Sprachkreisen in Berührung kam, beschäftigt sich Freud in keiner seiner Schriften mit der Rolle der Zweitsprachen im Seelenleben der Patienten. Dies ist umso erstaunlicher, als er in vielen seiner bekannten Fälle, sei es Dora, der Rattenmann oder der Wolfsmann, immer wieder auf rätselhafte »Wortbrücken« stößt, die auf die kryptische Rolle von Fremdsprachen verweisen.
Mit der an Migration gebundenen Mehrsprachigkeit haben sich seit León und Rebecca Grinbergs klassischer Untersuchung Psicoanálisis de la migración y del exilio von 1984 (dt. 1990) viele psychoanalytische Arbeiten insbesondere unter dem Fokus der Traumatisierung beschäftigt. Keine jedoch hat die psychoanalytische Dimension von Mehrsprachigkeit so grundlegend und aus so unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wie das vorliegende Buch. Zentral geht es Amati Mehler, Argentieri & Canestri, AutorInnen mit ganz eigener Sprachgeschichte, darum, »das Ineinander von Muttersprache und Fremdsprachen für den Prozess der Trennung, des Selbstständigwerdens und Heranwachsens« (S. 237) zu beleuchten. Diesem Ineinander gehen sie in zahlreichen Fallbeispielen nach, die ganz nebenbei auch viele andere Aspekte der Beziehung zu Erstsprache(n) und Zweitsprache(n) erhellen, wie Fragen des Spracherwerbs, des Sprachverlusts oder des Wiedererlangens von Sprache nach einer Aphasie bei Mehrsprachigen.
Das 1990 auf Italienisch erschienene Buch (2. Aufl. 2003), das bereits auf Englisch (1993), Französisch (1994) und Spanisch (2002) vorliegt, gibt es nun in einer vorzüglichen Übersetzung von Klaus Laermann endlich auch auf Deutsch. Der nachvollziehbar in 12 Kapitel gegliederte Band gibt zunächst einen Überblick über Theorien zum Einfluss von Mehrsprachigkeit auf die Psyche (Stengel, Lagache, Todorov und andere). In der Fokussierung ihrer psychischen Auswirkungen bezieht er sich dabei nicht nur auf die psychoanalytische Theorie, sondern ebenso auf die Forschung zu Zweitspracherwerb und Migration, auf übersetzungstheoretische Überlegungen und auf Erkenntnisse der Neurolinguistik. Im Zentrum stehen neben den Faktoren, die zum migrationsbedingten Verlust einer Sprache in der zweiten Generation führen bzw. ihm entgegenarbeiten, auch das Code switching und Code mixing in der psychoanalytischen Interaktion. Die zentrale Frage lautet hier: Was hat es zu bedeuten und wie ist damit umzugehen, wenn plötzlich (in einem Gespräch, in einem Traum etc.) Sprachfetzen in der Fremdsprache auftauchen?“
Bettina Lindorfer - Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse
Inhalt
Vorwort zur deutschen Ausgabe 9
Geleitwort 13
Vorrede zur Neuausgabe 27
Vorwort 31
Einleitung 39
Kapitel 1
Die Reise nach Babel 57
Kapitel 2
Die historischen Wurzeln des Polylingualismus und des Polyglottismus in der Psychoanalyse 79
Kapitel 3
Die psychoanalytische Literatur zum Problem der Sprachen 107
Kapitel 4
Identität und Geschlechtsidentität durch Sprachen 135
Kapitel 5
Fragen... 175
Kapitel 6
Verdrängung und Gedächtnis 187
Kapitel 7
Kinder und Sprachen 229
Kapitel 8
Das sogenannte Präverbale 245
Kapitel 9
Aus der Welt der Dichter. Entfremdung als Beruf 271
Kapitel 10
Schnittstellen 323
Kapitel 11
Mögliche und unmögliche Übersetzungen 365
Kapitel 12
Einige Antworten 401
Literatur 447
Autoren und Mitwirkende 469
Personenregister 473