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150 Jahre Die Presse
(ein Stück Österreich) ; [16. Mai bis 30. August 1998]
Verfasserangabe: [Idee und Gesamtleitung: Günter Düriegl ...]
Jahr: 1998
Verlag: Wien, Eigenverl. d. Histor. Museums d. Stadt Wien
Mediengruppe: Buch
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 Vorbestellen Zweigstelle: 07., Urban-Loritz-Pl. 2a Standorte: GM.P Hund / College 3b - Recht, Journalismus Status: Verfügbar Frist: Vorbestellungen: 0
Inhalt
"An unseren lieben Mitbürger – auch Kaiser genannt!" auf der Titelseite einer Zeitung im Sommer 1848 – das war eine bis dahin unerhörte Wortmeldung. Eine Karikatur, die die Regierung am Galgen zeigt, läßt auch manchen Wortführer der Revolution erschaudern. Was war geschehen?
Metternichs Rücktritt im März 1848 beendete die Ära des Zensur- und Polizeiwesens. Die Begeisterung über die neu erlangte Freiheit führte zu einer Flut von Publikationen, viele davon waren Eintagsfliegen, die meisten Zeitungen überlebten die Niederschlagung der Revolution im Oktober 1848 nicht. Eine Ausnahme gibt es, sie hat sich bis heute gehalten: "Die Presse", eine Tageszeitung mit recht unscheinbarem Titel, aber hohem Anspruch, erblickte am 3. Juli 1848 das Licht der Welt. Ihr Gründer, August Zang, agierte professionell wie sonst keiner in der Branche: als Verleger, als Chefredakteur, als Geschäftsmann. Seine Königsidee: Er machte ein Blatt für das politisch gemäßigte liberale Bürgertum, das gelangweilt war von der schöngeistigen Biedermeierpublizistik und angewidert war von den Exzessen der radikalen Revolutionsblätter. Diese Leserschaft blieb der Zeitung treu und machte sie zum einflussreichsten Journal der Monarchie – solange, bis Zang sich selbst zu Fall brachte. 1864 kündigte seine gesamte Belegschaft und gründete die "Neue Freie Presse" – eine bruchlose Fortführung der "Presse". Börsenchaos und Weltkrieg konnten dem liberalen Blatt mit dem hohen Anspruch nichts anhaben, zu den neuen Strömungen der Jahrhundertwende, dem Deutschnationalismus, der Sozialdemokratie, dem Antisemitismus stand sie in Gegnerschaft und überlebte auch das Ende der Monarchie. Erst 1938, mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten, schlug ihre letzte Stunde: Die ruhmreiche Zeitung wurde liquidiert.
Ernst Molden, der letzte Chefredakteur der "Neuen Freien Presse", schloß 1946 an die Tradition an. Wieder war es Zeit für einen Neubeginn wie 1848, so griff Molden zu dem ursprünglichen Zeitungstitel. Es geht der "Presse" um mehr Freiheit, im inneren, gegen den wild wuchernden Parteienproporz, und nach außen, im Kampf um den Abzug der Besatzer und um einen Staatsvertrag.
1998 hat "Die Presse" Grund zum Feiern: Die Zeitung hat so viele Leser wie noch nie in ihrer Geschichte, die ihr die Zukunft sichern, und sie kann voll Stolz auf 150 Jahre Vergangenheit zurückblicken. Anlaß genug für ein in der österreichischen Ausstellungsgeschichte einmaliges Projekt, das das Historische Museum der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit der "Presse" auf die Beine gestellt hat: Die Geschichte der Zeitung wird über 150 Jahre hinweg in ihrer engen Verquickung mit Österreichs Politik, Gesellschaft und Kultur dokumentiert. Der Bogen wird weit gespannt, von der Aufhebung der Zensur im Revolutionsjahr 1848 bis zur schrankenlosen Freiheit des Internet.
Viele Fragen versuchen die Ausstellungsmacher anhand von Objekten, Karikaturen und Zeitungsseiten zu beantworten: Was hielten die Wiener des Revolutionsjahres 1848 von der Zeitungslawine, die plötzlich auf sie einstürzte? Wie konnte "Presse"-Gründer August Zang eine so seriöse Zeitung machen und trotzdem in den Ruf eines Korruptionisten geraten? Was hat eigentlich Karl Marx in einer bis auf die Knochen bürgerlichen Zeitung verloren? Wie stand die Zeitung zum Kaiserhaus und warum war Zang für Franz Joseph eine "Canaille"? Warum verfiel das Bürgerblatt beim ersten Maiaufmarsch der österreichischen Sozialisten in Panik? Wie hat es Theodor Herzl verkraftet, daß in seiner Zeitung keine Zeile über seinen Lebenstraum erscheinen durfte? Wie reagierte sie auf die unzähligen Fußtritte von Karl Kraus? Warum hielt die "Neue Freie Presse" Oskar Kokoschka für einen "eingebildeten Kannibalen"? Wie läßt sich in der Zeitung die Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten verfolgen?
Doch nicht nur "schwergewichtige" Themen wie Krieg, Liberalismus, Antisemitismus und Sozialismus lassen sich anhand der Zeitung abhandeln, auch hübsche "Schmankerl" aus der Geschichte des Burgtheaters, der Frauenemanzipation, der Sportberichterstattung und der Wiener Musikkritik sorgen für Abwechslung.
Die ruhmreichen Seiten der "Presse"/"Neuen Freien Presse" zu dokumentieren, ist nicht schwer. Sie ist – wissenschaftlich beglaubigt - "das bedeutendste Organ des Landes", "vornehm", ein "publizistisches Wahrzeichen", eine "Instanz". Doch wo viel Licht , . . . Die Ausstellungsmacher zeigen alle Seiten der Zeitung: Sie veröffentlichte in ihrer Weihnachtsausgabe von 1900 Arthur Schnitzlers "Lieutenant Gustl", eine ätzende Satire auf den Ehrenkodex eines borniert-oberflächlichen k u. k. Leutnants, doch wenige Monate später schreibt sie, um die Wogen zu glätten, einen Leitartikel über Armee und Offizierskorps als "große Charakterschule". Was Schnitzler wohl darüber gedacht hat?
Von Betty Paoli, einer der ersten Journalistinnen Österreichs, bis zu Alice Schalek, die von der NFP als Kriegsberichterstatterin an die Fronten des Ersten Weltkriegs geschickt wurde, öffnete sich die Zeitung emanzipierten Frauen, doch im freundlich-spöttischen Ton des Feuilletons glaubt das Bürgerblatt noch 1914, sich über die aufbrechende Diskussion um politische und soziale Rechte von Frauen hinwegschwindeln zu können.
Mit den Worten "Es muß etwas für die Kunst geschehen, sonst gleitet sie langsam in den Sumpf" votiert die "Neue Freie Presse" 1894 für die jungen Revoluzzer in der Künstlergilde, die "Secessionisten", Adolf Loos vertritt in einer Artikelserie in der NFP seine Thesen über das Ornament, doch dann wechselt die Leitung im Kunstressort der Zeitung, und 1910, in der Debatte um das Looshaus, beklagt die Zeitung händeringend die Verschandelung des historischen Michaelerplatzes.
Hugo von Hofmannsthal, neben Schnitzler und Stefan Zweig einer der engsten Freunde der Zeitung, veröffentlichte den 1. Akt des "Schwierigen" in der "Neuen Freien Presse", doch seine Beiträge 1914/15 sind völlig im Geist der verordneten patriotischen Euphorie gehalten. In nur wenigen Wochen hat sich die Zeitung zu Kriegsbeginn vom skeptischen Warner ("Friedenswinsler" wurde sie beschimpft) zu einer der Stützen der verordneten Kriegsbegeisterung gewandelt.
Die "Neue Freie Presse" galt immer als Leibblatt der assimilierten bürgerlichen jüdischen Schichten Wiens und der Kronländer, sie trat vehement gegen den Antisemitismus Luegers und Schönerers auf, auch nach dem Zerfall der Monarchie, in der Zwischenkriegszeit, waren 80 Prozent ihrer Redakteure jüdischer Abstammung. Dieselbe Zeitung verschweigt oder verniedlicht aber in den Dreißiger Jahren im Interesse ihrer Auslandsauflage und ihrer Eigentümer (ab 1934 ist es die Bundesregierung) die Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland.
Für die Dokumentation der Zeit nach 1955 kann die Zeitung schon auf ihr umfangreiches Archiv zurückgreifen. Wie Reliquien haben "Presse"-Redakteure zusätzlich, sobald die Ausstellung fix war, die sorgsam zu Hause aufbewahrten Erinnerungsstücke aus dem Bleizeitalter der Zeitungsproduktion herangetragen: Die Erinnerung an den Abschied von den alten Druckmaschinen im Heiligenstädter Pressehaus wird wieder wach. Heute geschieht alles, vom Schreiben, Redigieren bis zum Umbruch auf dem Computer, manchmal findet sich noch eine Schreibmaschine in einem Garderobeschrank abgestellt, und wie zum Trotz liegt auf manchem Redaktionsschreibtisch eine Füllfeder.
Wer von den fast sechshundert Exponaten erschöpft zusammensinkt, dem wird in der Ausstellung Erholung in einer kleinen Kaffeehausecke geboten, dort kann er sich in die aktuelle Ausgabe der Zeitung vertiefen. Im Laufe des Vormittags wird hier täglich die "Ironimus"-Karikatur des nächsten Tages ausgestellt.
Apropos "Ironimus". Alle Zeichnungen, die Gustav Peichl im Laufe von 44 Jahren für "seine" Zeitung gemacht hat, auszustellen, ist unmöglich, doch zu überprüfen, welche der Großmeister selbst für die "Presse"-Schau ausgewählt hat, lohnt allein schon den Besuch.
Ein besonderes Gustostückerl weist der Gegenwartsteil der Ausstellung auf: Alle Besucher sind herzlich eingeladen, in einer Außenstelle der "Presse"-Redaktion mitzuarbeiten. An 10 PCs kann jeder Interessierte unter Anleitung von "Presse"-Redakteuren bei der Produktion der Zeitung vom nächsten Tag mitmachen, das Redaktionssytem kennenlernen und Agenturmeldungen auswerten. Die beste Zeitungsseite wird prämiert und abgedruckt! Eine schmerzliche Einschränkung: Den Leitartikel des Chefredakteurs vom nächsten Tag umzuschreiben, wird nicht gestattet. Aber die schnellstmögliche Art, einen Leserbrief in der "Presse" unterzubringen, ist das immer noch.
Doch auch der, der sich nicht zum Zeitungsmacher berufen fühlt, findet in diesem Teil der Ausstellung Aktionismus genug: Er tüftelt an dem überdimensionalen "Presse"-Jubiläums-Kreuzworträtsel (die Lösung fällt nach einem Rundgang durch die Ausstellung leichter!) oder vergleicht die neue "Presse"-Jubiläums-Dokumentation der ORF-Profis Gerhard Jelinek und Peter Liska mit dem ambitionierten Videoprojekt des Wiener Publizistikinstituts zum selben Thema. Internet-Surfer können die Homepages der großen internationalen Zeitungen herunterladen und merken, daß die Online-"Presse" ihre großen ausländischen Vorbilder in Übersichtlichkeit und Bedienungskomfort weit hinter sich gelassen hat.
Die neue "Presse"-CD-Rom – angewandte Medienkunde zum Billigpreis - findet bereits regen Anklang als Unterrichtsbehelf. Doch Vorsicht: Selbst die "Presse"-Archivmannschaft, das kollektive Gedächtnis der Redaktion, hat bei der Lösung der hundert Quizfragen auf der CD einige Male kapituliert. Wer diese Herausforderung scheut, sollte daher eher die 100 besten "Presse"-Photos oder die 100 besten "Streiflichter" anklicken oder mit den gerade anwesenden Journalisten über ihr Berufsbild und die Berufschancen diskutieren. Schulklassen sind willkommen; um keine Kollisionen zu verursachen, ist aber eine vorherige Anmeldung in der Redaktion sinnvoll.
Das neue Standardwerk über die Geschichte der "Presse", der vom Verlag Holzhausen soeben ausgelieferte Bildband "Ein Stück Österreich", liefert neben einem hundertseitigen Ausstellungskatalog das geistige Substrat für den kulinarischen Spaziergang durch 150 Jahre. Die Konstellation der Mitwirkenden war dem großen und ehrgeizigen Projekt günstig: Architekt Gustav Peichl, der "Presse" jetzt schon seit mehr als 40 Jahren eng verbunden, lieferte die architektonische Konzeption und war ständiger Motor für die Ausstellung, die von dem jungen, bereits profilierten Ausstellungsgestalter Oliver Kaufmann kongenial umgesetzt wurde. Wilhelm Deutschmann vom Historischen Museum lieferte das unabdingbare Know how, denn seine Partner aus dem Kulturressort und dem Archiv der "Presse", die Material zu ca. 75.000 Zeitungsexemplaren liefern konnten, mußten naturgemäß immer wieder eingebremst werden.
Gelegentlich mußten die Museumsleute auch sicherlich über ihren Schatten springen und so manches zulassen, was die geräumigen Hallen am Karlsplatz noch nie in ihren Mauern erblickt hatten: Die Ski von Hermann Maier, die am 13. Februar 1998 auf der Abfahrtspiste von Hakuba den kapitalen Sturzflug leicht beschädigt überstanden, das Trikot Hans Krankls, das er in seinem ersten Länderspiel für Österreich am 13. Juni 1973 trug (1:1 gegen Brasilien!), den Tennisschläger von Thomas Muster und das Kapperl des legendären Ernst Happel – und das alles beschrieben in der blumigen Sprache der "Presse"-Sportredakteure.
So bietet die Ausstellung jedem etwas: Dem Kunstfreund, der mit Schiele, Kokoschka und Otto Wagner verwöhnt wird, dem Zeitungsliebhaber, der gerne nachlesen will, was "sein" Blatt von Karl Lueger oder Kronprinz Rudolf hielt, dem Anekdotensammler, der mit witzigen Apercus von Journalistenprominenz damals wie heute verköstigt wird, und dem Elektronikfreak, der von der Internet-Homepage der "Presse" aus zweimal um den Globus und wieder retour surfen kann.
Details
VerfasserInnenangabe: [Idee und Gesamtleitung: Günter Düriegl ...]
Jahr: 1998
Verlag: Wien, Eigenverl. d. Histor. Museums d. Stadt Wien
Systematik: GM.P
ISBN: 3-9500740-2-3
Beschreibung: 107 S. : zahlr. Ill.
Beteiligte Personen: Düriegl, Günter
Sprache: ger
Mediengruppe: Buch