Das Säuglingsheim ist eine vergessene Institution der beiden deutschen Staaten. Häufiger als bisher angenommen waren Babys und Kleinkinder in der Nachkriegszeit dort untergebracht, manche monate- oder sogar jahrelang. Die Lebensbedingungen beeinträchtigten die kindliche Entwicklung massiv, was die damalige psychologische und psychoanalytische Forschung bald als Hospitalismus beschrieb. In der Bundesrepublik wurden die Heime deshalb in den sechziger Jahren aufgelöst; in der DDR wurden diese Erkenntnisse zunächst ebenfalls wahrgenommen, allerdings interessierten sich die Behörden nach dem Bau der Mauer 1961 nicht mehr dafür. Säuglingsheime existierten dort bis zum Jahr 1989. Die Einweisungskriterien waren nicht präzise festgelegt, was den Behörden große Handlungsspielräume gab; entsprechend stark wirkten sich auch die damaligen Moralvorstellungen aus. So waren es häufig Kinder von alleinerziehenden Müttern, von kranken oder misshandelnden Eltern, die in die Heime kamen. Weil sich die Betroffenen nicht oder nur stark eingeschränkt an ihre Zeit in den Heimen erinnern können, rekonstruiert Felix Berth anhand von Archivmaterial und damaligen wissenschaftlichen Untersuchungen die Lebensbedingungen in den Säuglingsheimen. Betroffene kommen in Interviews zu Wort und schildern ihre heutige Sicht auf die Zeit im Heim.
Inhalt
Fünf Gründe für eine Geschichte des Säuglingsheims 9
Teill
Die Sozialgeschichte des Säuglingsheims
1 Eine Million Kinder, mindestens 23
Säuglingsheime waren bis in die 60er Jahre
weit verbreitet - und hielten sich in der DDR
sogar bis 1989
2 Warum ins Heim? 31
In der Bundesrepublik und der DDR kamen Kinder
aus ähnlichen Gründen in Säuglingsheime
3 Idylle und Horror 47
Die Lebensbedingungen in Säuglingsheimen
4 Dramatische Defizite 61
Forscherinnen stellten bei Säuglingsheim-Kindern
erhebliche Entwicklungsverzögerungen fest
5 Nicht in der Familie 69
Die Systeme von Wochenkrippen, Pflegefamilien
und Verschickungsheimen
Teil II
Die Sicht der Betroffenen
6 »Das Kind im Kartoffelsack war ich« 81
Mehr als zwei Jahre im Säuglingsheim,
danach 13 Jahre im Kinder- und Jugendheim:
Klaus H. berichtet von Traumatisierungen
und seiner Suche nach den Akten
7 »Worauf soll ich denn wütend sein?« 87
Fritz H„ Jahrgang 1968, ist der kleine Bruder von Klaus H.
Er wurde anderthalb Jahre nach Klaus geboren
und war mit ihm zunächst im Säuglingsheim,
später in einem katholischen Kinderheim
8 »Meine frühe Kindheit ist keine Leerstelle« 91
Aufgewachsen in den Heimen der DDR:
Klaus-Peter G. erzählt, dass er sich dort zuhause fühlte
9 »Ich dachte, ich gehöre nicht zu dieser Familie« 95
Die Eltern fuhren in den Urlaub
und ließen ihr Baby für einige Wochen im Heim.
Fünf Jahrzehnte später denkt Kathy B.
über die Auswirkungen nach
10 »Immerhin hatten sie sonntags eigene Kleider« 99
Fünf Jahre lang leitete Annelore D.
ein Säuglingsheim in der DDR.
Anfangs konnten die Zweijährigen dort
noch keine Treppe hochgehen
11 »Die Kinder haben den Oberkörper
so merkwürdig bewegt« 107
Brigitte R. arbeitete in den 60er Jahren
ehrenamtlich in einem Säuglingsheim.
Sie beobachtete überforderte katholische Nonnen
und kindlichen Hospitalismus
12 »Kurze Aufenthalte bergen ein geringeres Risiko« 111
Der Psychologe Gottfried Spangler beschreibt,
wie die aktuelle Forschung Säuglingsheime beurteilt -
und was das für Betroffene bedeutet
Teil III
Die Wissensgeschichte des Säuglingsheims
13 Hygiene und Härte 113
Kindheitsvorstellungen bis zum Zweiten Weltkrieg
14 Das neue Bild vom Kind 129
TriebgesteuerterTyrann oder liebesbedürftiges Wesen?
Der Perspektivwechsel der Psychoanalyse
15 Die Entdeckung Bowlbys 139
Wie die frühe Bindungstheorie nach Deutschland kam
16 Sickereffekte und Blockaden 149
Was in der deutschen Fachwelt ankam
17 Das lange Zögern 161
Neue Ideen von Kleinkinderziehung
drangen in Deutschland nur langsam durch
Sechs Fragen 173
Abschließende Überlegungen
zur Geschichte des Säuglingsheims
Dank... 185