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Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933
die bündische Zeit; Quellenschriften
Verfasserangabe: hrsg. im Auftrage des Gemeinschaftswerkes Archiv und Dokumentation der Jugendbewegung von Werner Kindt ; mit einem Nachwort von Hans Raupach
Jahr: 1974
Verlag: Köln, Diederichs
Mediengruppe: Buch
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Inhalt
Die Bündische Jugend ist die zweite Phase der Jugendbewegung (Zwischenkriegszeit), in der sich nach dem Ersten Weltkrieg der Stil und die Traditionen des Wandervogels mit denen der Pfadfinderbewegung zu etwas Neuem verbanden. Ein prägender und zahlenmäßig großer Bund war auch die Deutsche Freischar, der aus dem Zusammenschluss mehrer Pfadfinder- und Wandervögelbünde entstand.Durch die Erfahrungen die tusk in diesem Verband machte entstand die Idee und das Gedankengut der d.j.1.11 Einen neuen Inhalt brachte Eberhard Koebel, auch bekannt unter seinem Fahrtennamen tusk, der aus Ablehnung des in der bündischen Jugend verbreiteten Lebensbund-Prinzips heraus einen reinen Jungenbund gründete, die Jungenschaft Deutsche Jungenschaft vom 1. 11. 1929 (auch: Deutsche Autonome Jungenschaft vom 1. 11. 1929), bekannter unter der Abkürzung dj.1.11
Die Zeit der Bündischen Jugend (1919–1933): Nicht nur die Weltkriegstoten – etwa jeder Vierte von ca. 15000 Kriegsteilnehmern der Jugendbewegung kam im Krieg um –, auch die Kriegsheimkehrer trugen zu einer grundlegend veränderten Lage bei: Nur etwa die Hälfte von ihnen schloss sich der Jugendbewegung überhaupt wieder an. Davon waren die meisten durch ihre Kriegserfahrungen nachhaltig beeinflusst, eine Minderheit im Sinne des Pazifismus, viele andere dagegen – in Erinnerung an Fronterlebnisse und an die überstandenen „Stahlgewitter“ – eher militaristisch. Der Kriegsausgang und die Novemberrevolution 1918 stellten die Jugendbewegung auch gesellschaftspolitisch vor eine völlig neue Ausgangssituation. Die dadurch angestoßenen Ausrichtungen bewirkten bis 1923 eine schleichende Auflösung der Freideutschen Jugend, in deren Zeichen das große Treffen auf dem Hohen Meißner 1913 gestanden hatte. Bei der ersten Nachkriegszusammenkunft zu Ostern 1919 in Jena zerfielen die Teilnehmer einerseits in Anhänger des Sozialismus und eines unorthodoxen Kommunismus; ihnen standen andererseits rechtskonservative Vertreter gegenüber, die gegen den „Imperialismus“ der in Versailles tagenden Siegermächte Front machten. Oft waren die Positionen in dieser Umbruchzeit bestimmten politischen Lagern nicht eindeutig zuzuordnen: „Daß man rechts stand und links empfand, daß man links stand und ‚völkische‘ Ideale haben konnte, trug viel zur Vermischung aller Tendenzen bei. Aus ihr zogen die Kommunisten ebenso wie die ersten Nationalbolschewisten und Nazis erheblichen Gewinn.“ Eine neue Vielfalt von Teilbewegungen und Neugründungen war charakteristisch für die nachrevolutionären frühen Jahre der Weimarer Republik, die aber im weiteren Verlauf auch die organisatorische Einbindung von Pfadfinderbünden in die Jugendbewegung brachte. Demgegenüber bildete die Arbeiterjugendbewegung stets einen eigenständigen Zweig unter den organisierten Jugendlichen. Bestärkt wurde die Tendenz zur weiteren Auffächerung der Gruppierungen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg laut Geuter durch die zunehmende Bedeutung der Mädchen in manchen Organisationen. Dagegen wurden Stimmen laut, die meinten, der Wesensunterschied der Geschlechter sei so grundsätzlicher Art, dass es zwischen Jungen und Mädchen kein kameradschaftliches Nebeneinander geben könne, oder die behaupteten: „Wo Mädchen, da ist es gemütlich. Dort fühlt man sich zufrieden, nicht revolutionär.“ Nicht zufällig sind nach Geuter solche Abgrenzungen von männlicher Seite gerade zu der Zeit besonders hervorgetreten, als in Deutschland eben das Frauenstimmrecht eingeführt worden war und immer mehr Frauen auf höhere Schulen und Universitäten gingen. Die Idee des Bundes: Als wesentliche Tendenz in der zweiten Phase der Jugendbewegung erwies sich die Abkehr von der weitgehend zweckfreien, individualisierten Romantik des Wandervogels hin zu einer allumfassenden Verpflichtung jedes einzelnen Mitglieds auf die Gruppe, der man sich diszipliniert unterwarf und mit der gemeinsam man sich dem Dienst an einer „großen Sache“ verschrieb. Wichtigstes geistiges Vorbild dieser Entwicklung war der Kreis um den Dichter Stefan George, der in seinem 1913/14 erschienenen Gedichtzyklus „Der Stern des Bundes“ auch den künftigen Schlüsselbegriff der Jugendbewegung verwendet hatte. Bei dem George-Kreis handelte es sich um einen reinen Männerbund – Stefan George verbarg die eigene homosexuelle Orientierung nicht –, der auch in seiner Ausgrenzung alles Weiblichen auf die Bünde der Jugendbewegung in ähnlicher Weise einwirkte wie die Schriften Hans Blühers und wie die Erlebnisse und Erinnerungsbilder soldatischer Kameradschaft aus dem Ersten Weltkrieg. „Man warf dem Alt-Wandervogel vor, er sei zum Poussierverein herabgesunken. Spaltungen, Trennungen, Zerwürfnisse ohne Zahl setzten ein. […] Die Separation von den Mädchen führte meines Erachtens zu einer Überschätzung und Mystifikation des Staates. Man wollte die Idee des ritterlichen Ordens neu beleben. Vom Ordensgefüge aus sollte das Staatsgefüge ‚erfaßt‘ werden.“ Eine Erklärung dafür, warum die Ideologie des Männerbundes in Deutschland so besonders stark ausgeprägt war, sieht Geuter darin, dass hier die Emanzipation der Frau vergleichsweise stark hinterherhinkte, „während die Anerkennung der Homosexualität propagandistisch auffallend vorangetrieben wurde.“ Nur hier habe es homosexuelle Skandale in den höchsten Regierungskreisen gegeben. Die zum Bündischen treibende Kraft auf Pfadfinderseite waren die Neupfadfinder unter Führung des Berliner Theologen Martin Voelkel. Gerade bei ihnen wurden Ritter, Burg, Grals-Idee, Kampf und Gefolgschaft wichtige Leitbegriffe: „Edle Leiber und todgetreue Seelen, den schmutzigsten Winkel mit Schönheit erleuchtend und gebildet genug, um jeden Platz auszufüllen; in Kameradschaft verwachsen mit dem Volk, und zugleich hinreißende Führergestalten; stolz im Schmucke des Sturmhelms, und demütig mit Helm ab zum Gebet. Hier hebt sich das neue Bild empor. […] Und aus den Tiefen der Wälder hebt ein junges Geschlecht gläubige Augen zu diesem Gestirn, denn der Kompaß in seiner Brust weist ihm den Weg zu solchem vollen und heldischen Menschentum. Das ist der weiße Ritter, der nun wieder aufbricht, die Welt zu erlösen durch sein Reich.“ Voelkel propagierte die Verzichtbarkeit von Gelübden und Programmen: „Im Herzen tragen wir das Bundeszeichen, das uns untrüglich unsere Richtung weist; und von den Lippen tönt der gläubige Schlachtruf: ‚Es lebe das neue Reich!‘“ Weniger heldisch und sendungsbewusst, stattdessen nüchtern-selbstbewusst präsentierte Ernst Buske, Altwandervogel und nachmaliger Bundesführer der Deutschen Freischar, sein Leitbild: „Nur das, was die Menschen in eigentümlicher Weise geistig miteinander verbindet, d. h. die im Erkennen und Wissen, in der Weltanschauung, im religiösen, im künstlerischen und im moralischen Fühlen und Denken sich abspielenden geistigen Wechselwirkungen, kurz die gesamten Kulturbeziehungen machen das Wesen der Volksgemeinschaft aus. Volk heißt somit Kulturgemeinschaft, und Rasse, Raum, Sprache, Staat sind lediglich als Bedingungen des kulturellen Vergemeinschaftungsprozesses von Bedeutung. […] Als notwendige Ergänzung dieser völkisch-kulturellen Bindung muß die Menschheitsidee erscheinen. Denn die Nation ist uns nicht das Maß aller Dinge. Über alle nationalen Schranken hinweg gilt das Sittengesetz, gelten die Moralgebote in gleicher Weise für alle Menschen als sittliche Wesen. Daraus folgt, daß von sich aus kein Volk dem anderen übergeordnet ist, daß die Idee des Rechts über und zwischen den Völkern gelten soll. […] So ist uns das Volk nur ein besonderer Ausdruck der Menschheit.“ --- Ein breites Spektrum von Neuanfängen: Die nachlassende Bindekraft der Freideutschen Jugend führte zu Neugründungen verschiedenster Art. Als Abspaltung vom Alt-Wandervogel wurde von Robert Oelbermann und seinem Zwillingsbruder Karl zum Jahreswechsel 1919/20 in einer Basalthöhle bei Neroth in der Eifel der „Geheimbund der Nerommen“ mit anfänglich acht Mitgliedern gegründet. Ihnen schien die frühere Wandervogel-Kultur durch wilde Wandergruppen aus Großstädten verdorben: „Mit Gitarren, Mandolinen und grölenden Liedern strolchten die wilden Haufen mit ihren Mädchen durch die Wälder. Der Name Wandervogel war unter das Fußvolk geraten und wurde erbarmungslos von den so genannten ‚wilden Horden‘ zertreten.“ Dem wurde nun ein reiner Jungen- und Männerbund entgegengesetzt, der später unter dem Namen Nerother Wandervogel, Deutscher Ritterbund bekannt wurde und auf die Jugendbewegung so stilbildend einwirkte, dass noch 1933 maßgebliche NS-Führer wie Göring und Goebbels meinten, mit der Überwindung des Nerother Wandervogels ein wesentliches Element der Jugendbewegung aushebeln zu können. Ihren Sitz errichteten die Nerommen auf der für die eigenen Zwecke hergerichteten Ruine von Burg Waldeck im Baybachtal im Hunsrück. Finanziert wurden die Instandsetzungsmaßnahmen und die Unterhaltskosten für die Bug zum Teil mit Diavorträgen, die die Ordensmitglieder als Erlebnisberichte von ihren Großfahrten gestalteten. Von diesen Fahrten berichtet Werner Helwig, seinerzeit unter dem Namen „Hussa“ Waldecker Burgpoet: „Da Singen eine unserer stehenden Eigenschaften war, und nicht einmal unsere schlechteste, machten wir die Tugend zur Not, das heißt, wir verdienten uns Geld mit dem, was uns am Herzen lag. In den Radiostudios vieler Städte und Länder bewegten wir uns bald als gewohnte Gäste, und die Konzertsäle widerhallten vom Applaus, wenn wir die Schlußkurve von ‚Berge, Ströme, Wälder‘ mit bewußter Akribie zum Stoppen gebracht hatten. So kamen wir nach Indien, so kamen wir nach Amerika. Wir verachteten den Fußmarsch nicht und die menschenlose Landschaft, aber wir verachteten auch die Autostraße nicht und die modernen Verkehrsmittel. In der Wüste oder zur See, trampend oder mit bezahltem Fahrschein: uns blieb nichts fremd. Wir kennen die Kontinente, wir kennen die Inseln, wir kennen die Himmel über allen Gebieten.“ Eine andere markante Erscheinung in der Frühzeit der Bündischen Jugendbewegung, die im Gegensatz zum noch heute existierenden Nerother Wandervogel jedoch nur eine kurze, wenn auch höchst intensive Wirkung entfaltete, war die „Neue Schar“ unter Führung von Friedrich Muck-Lamberty. Direkt vom großen Wiedersehenstreffen der aus dem Krieg heimgekehrten Wandervögel zu Pfingsten 1920 in Kronach machte sich der Drechsler Muck-Lamberty mit ca. 30 Anhängern beiderlei Geschlechts auf einen Zug durch Thüringen, der über Coburg, Jena und Weimar nach Eisenach führte. Die Mitglieder der Gruppe teilten ihren gesamten Besitz, ernährten sich vegetarisch und mieden Alkohol. Auf Marktplätzen und in Kirchen predigte Lamberty innere Einkehr und das Erwachen zum Leben und erzeugte mit seiner Schar eine von Singen, Tanzen und Schwingen erfüllte Atmosphäre, die magnetische Wirkung entfaltete. „Zu den angekündigten Tänzen kamen Neugierige, Kritische, zumeist aber jugendliche Begeisterte. Das sichere Auftreten der Schar zog immer mehr Menschen in den Kreis. Jeder wurde mit ‚Du‘ angeredet. Diese Tänze hatten eine unglaubliche Wirkung. Auch die zunächst Widerstrebenden wurden mit in den Strudel gerissen, es war, als sei die Zeit der Flagellanten und der kultischen Tänze wiedergekehrt. Alles, ob katholische Waisenkinder, ob evangelische Jungfrauenvereine, ob Erwachsene, ob Halbstarke, ob Proletarier oder Adlige – alles wurde von der Tanzwut ergriffen, sogar leibhaftige Prinzessinnen sollen mitgemacht haben. Und zog die Schar weiter, wurde sie von vielen Begeisterten noch kilometerweit begleitet.“ Der Triumphzug erstreckte sich bis in den Herbst 1920 und hätte im Frühjahr 1921 fortgesetzt werden sollen. Für die kalte Jahreszeit zog sich die Neue Schar auf die Leuchtenburg zurück, wo eine Drechslerei eingerichtet wurde. Als aber nach draußen drang, dass Muck-Lamberty mehrere weibliche Mitglieder seiner Gruppe geschwängert hatte, war der Ruf der neuen Schar in der Öffentlichkeit ruiniert. Sie musste die Leuchtenburg verlassen, blieb aber beieinander und gründete unter Mucks Führung in Naumburg eine einträgliche neue Drechslerwerkstatt. Von herrenlosen Burgen zu Jugendherbergen: Wie Burg Waldeck für den Nerother Wandervogel zum wichtigsten überdauernden Gemeinschaftsanliegen wurde und die Leuchtenburg zum auserwählten Winterquartier der Neuen Schar, so gab es auch andernorts zahlreiche ähnliche Aktivitäten, die darauf zielten, den Jugendlichen in Landheimen, speziellen Unterkünften oder eben auf ungenutzten Ritterburgen (Jugendburg) einen Ort für ihre Zusammenkünfte und Übernachtungsquartiere für ihre Fahrten zu verschaffen. Wesentlich daran beteiligt war das Jugendherbergswerk, dem es nach Helwig gelang, „eine stattliche Reihe von hochtönenden Burgnamen“ dem Vergessen zu entreißen. „Vielleicht lebte in den Bündischen mit ihren Ordensgliederungen, ihren Kreuzritter- und Burgenträumen etwas wieder auf vom Geist des 12. Jahrhunderts, nämlich, ins Romantische transportiert, das Bestreben, Vorposten zu bilden im gesellschaftlichen Ödland der Gegenwart, um es im Sinne ihrer Weltsicht schließlich zu erobern und zu durchsetzen…“ Von besonderer Bedeutung auf lange Sicht wurde für die gesamte Jugendbewegung Burg Ludwigstein. Bereits vor dem Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner 1913 waren die in der Nähe beiderseits der Werra gelegenen Burgen Hanstein und Ludwigstein beliebte Wandervogel-Ziele. 1908 bereits war der Wandervogel Enno Narten auf einer geologischen Exkursion zum Hanstein von seinem Hochschullehrer auf Burg Ludwigstein als ein speziell für ihn interessantes Objekt hingewiesen worden. Von dem Gedanken einer Nutzung für den Wandervogel ließ Narten in den Folgejahren nicht mehr ab. Mit Kameraden beschloss er an der Kriegsfront 1914, die Burg später zum Gedenkort für die gefallenen Wandervögel auszubauen. Nach Kriegsende machte Narten sich an die Umsetzung des Plans und verhandelte mit der zuständigen Kasseler Regierung, die aber den Nachweis hinreichender Mittel für Erwerb und Instandsetzung der Burg verlangte: "Mir wurde schwarz vor Augen – Geldmittel? Ich war Stipendien empfangender Student, verlobt mit einer Lehramtskandidatin mit neunzig Mark Monatsgehalt. Aber mir kam eine Erleuchtung: Ich verfasste einen ‚Aufruf zum Erwerb des Ludwigstein‘, richtete mit Hilfe des ‚Vermögens‘ meiner Braut ein Postscheckkonto ein, ließ den Aufruf drucken, und wir beide schrieben tage- und nächtelang Briefumschläge zum Verschicken des Aufrufs.“ Der Spendenaufruf war sehr erfolgreich, sodass der Kauf getätigt werden konnte und der Unterstützerverein nach Nartens Angaben bald auf über 1000 Mitglieder anwuchs. Wer die Burg besuchte, musste zunächst mindestens zwei Stunden Aufbaudienst leisten. Das später auf der Burg eingerichtete Archiv der Jugendbewegung verfiel schließlich wie die Burg selbst der nationalsozialistischen Beschlagnahme. ...
Details
VerfasserInnenangabe: hrsg. im Auftrage des Gemeinschaftswerkes Archiv und Dokumentation der Jugendbewegung von Werner Kindt ; mit einem Nachwort von Hans Raupach
Jahr: 1974
Verlag: Köln, Diederichs
Systematik: PN.BK
ISBN: 3-424-00527-4
Beschreibung: 1840 S. : Ill.
Beteiligte Personen: Kindt, Werner
Sprache: Deutsch
Fußnote: Literaturangaben
Mediengruppe: Buch