Im Juli 1914 waren die Hauptmächte Europas mental und kriegstechnisch hochgradig kriegsbereit, da ein Klima gegenseitiger Phobien und kollektiver Ängste, die sich letztendlich aus der Bevölkerungsproblematik ableiten lassen, vorherrschte. Vor diesem Hintergrund zeigt Peter Winzen, dass der große Krieg in den Augen der meisten Zeitgenossen kein Schreckensszenario war, sondern eher ein probates Mittel zur Revolutionierung der als unhaltbar angesehenen Weltordnung. Dabei haben die Entscheidungsträger die Folgen ihrer Kriegsentscheidung nur unzureichend einschätzen können. Daher hat die vieldiskutierte Frage nach der Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch nur sekundäre Bedeutung, da es sich im Prinzip um eine kollektive Schuld handelt. Nach der langen Phase des Kalten Krieges (1904-1914) hat sich bei den an den Kriegsentscheidung beteiligten Regierungen und Militärs ein Fatalismus aufgestaut, der den Weg in die heiße Phase erleichterte. Man darf davon ausgehen, dass bei einem friedlichen Ausgang des österreichisch-serbischen Konflikts die Kriegsentscheidung nur vertagt worden wäre. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts war damit also angesichts der stürmischen demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die in die hektische Phase des Hochimperialismus einmündete, gewissermaßen vorprogrammiert. Frankreich galt dabei wegen seiner rückläufigen Bevölkerungszahl als sicherer Kandidat für den Abstieg, wohingegen Deutschland wegen seines rasanten Bevölkerungswachstums und seines Wirtschaftsbooms als kaum zu bändigender Aufstiegsaspirant aufgefasst wurde. (Verlagstext)
Inhaltsverzeichnis:
Einführung......................................................................................................7
I. Die Bevölkerungsexplosion in Europa 1815-1914.............................11
Großbritannien (England, Wales, Schottland).........................................16
Frankreich.................................................................................................... 20
Deutsches Reich .........................................................................................25
Österreich-Ungarn......................................................................................30
Russland.......................................................................................................30
II. Der demographische Aspekt aus Sicht von deutschen
Publizisten und Politikern 1890-1914 ..............................................33
In der Publizistik.........................................................................................33
Politische Entscheidungsträger zum Bevölkerungsproblem ................. 50
Hans Delbrück und Maximilian Harden............................................... 119
III. Volkskriege als historische Notwendigkeit?
Wachsende Kriegsbereitschaft in Europa seit 1904 .......................129
Der Beginn der »Ringbildung« um Deutschland....................................129
Bülows Einstellung zum Krieg................................................................ 150
Außen- und rüstungspolitische Neuorientierung unter Bülow
1906-1909 .................................................................................................. 157
Das Vorspiel zum Kriegsausbruch 1914:
die Bosnische Annexionskrise................................................................ 162
Bethmann Hollwegs erste Gehversuche in der Außenpolitik
1909 bis 1911: ein schwieriges Erbe und neue Strategien........................ 176
Reale Kriegsgefahr während der Agadirkrise?.......................................192
Bethmann und Kiderlen contra Tirpitz und Wilhelm II........................ 206
Europäische Kriegsgefahr während der Balkanwirren ........................ 215
Bellum ante portas: Die Liman-Mission und die krisenhafte
Zuspitzung des deutsch-russischen Verhältnisses................................ 246
IV. Dem Untergang des alten Europa entgegen ................................. 267
St. Petersburg im Februar 1914: Alea iacta est......................................... 269
Kriegsbereitschaft und -willigkeit in Europa am Vorabend
der Urkatastrophe ................................................................................. 294
Wien im Frühsommer 1914: Krieg oder Untergang ..............................307
Allgemeine Kriegsbereitschaft und Greys Einsatz
für den britischen Kriegseintritt............................................................. 335
Schlussbetrachtung: Kollektive Flucht nach vorn?................................. 349
Bildnachweise.............................................................................................355
Archivquellen............................................................................................... 357
Literatur....................................................................................................... 359
Personenregister....................................................................................... 369