Magnus Hirschfeld (1868-1935) war, gemeinsam mit drei anderen Berliner Ärzten - Ivan Bloch, Albert Moll und Max Marcuse - der Begründer der deutschen, seinerzeit auch international unerreichten Sexualwissenschaft. Als Jude und homosexuell Veranlagter wurde er zu einem der ersten prominenten Opfer der Nationalsozialisten. Bereits 1930 mußte er in seinem Berliner Institut für Sexualwissenschaft, das er 1919 gegründet hatte, um seine Existenz und sein Leben fürchten. Der drohenden Ermordung entging er nur zufällig, weil er sich bei der Zerstörung des Instituts durch den SA-Mob auf einer Vortragsreise befand. Es sollte bis in die jüngste Zeit dauern, daß man sich der Bedeutung Hirschfelds in ihrer ganzen Tragweite bewußt wurde.
Hirschfeld verfolgt das Thema Homosexualität in all seinen Facetten. Zugrunde lagen seinen Ausführungen zahllose Fallstudien und Untersuchungen, die er nach standardisierten Mustern vornahm. In dem umfangreichen Band, der erstmals 1914 erschien und 1984, ergänzt um eine Einleitung von Erwin J. Haeberle, nachgedruckt wurde, versuchte er, das Thema in seiner ganze Breite zu erfassen. Auch wenn die biologischen Ausführungen Hirschfelds heutzutage als veraltet gelten, so sind doch seine Analysen immer noch ausgesprochen lesenswert und berühren in ihrer Detailversessenheit -etwa, wenn Hirschfeld den Tascheninhalt des homosexuellen Mannes beschreibt oder die Eigenarten des Schwulenlebens in den südlichen Ländern, die Wohnungseinrichtung und Berufswahl der typischen lesbischen Frau etc. Mit diesen Beschreibungen ging allerdings auch eine Gefahr einher: Hirschfeld lieferte ungewollt den Nationalsozialisten gewissermaßen die Checklisten, mit denen sie dann, verstärkt nach dem Röhm-Putsch von 1934, die Verfolgung homosexueller Männer intensivieren konnten.
Persönlichkeiten von schwulem Interesse, Magnus Hirschfeld, Frank Schrader - Einer der engagiertesten Pioniere der Schwulenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Arzt Dr. Magnus Hirschfeld, der sein ganzes Leben der Emanzipation und den Bürgerrechten der Homosexuellen widmete. Hirschfeld wurde 1868 in Kolberg als Sohn jüdischer Eltern geboren. Nach Schulbesuch und Medizinstudium promovierte er 1892 mit einer Arbeit über "Erkrankungen des Nervensystems im Gefolge der Influenza". Zunächst ließ er sich in Magdeburg als Arzt für Naturheilverfahren nieder. Er zog dann nach Berlin-Charlottenburg, wo er seine Praxis in psychotherapeutische Richtung ausweitete. Später bezeichnete er sich als "Spezialarzt für nervöse und seelische Leiden".
Vermutlich aus Angst vor einem Berufsverbot äußerte sich Hirschfeld nie über seine eigene Homosexualität. Sein Kampf gegen den 175 StGB, der Homosexualität mit Gefängnisstrafen bedrohte, begann 1895 mit der Veröffentlichung eines Protestes gegen die Verurteilung des Dichters Oscar Wilde wegen dessen Homosexualität. Zwei Jahre später, 1897, gab Hirschfeld eine erste Broschüre unter dem Titel "Sappho und Sokrates" heraus. In dieser Broschüre bezog er Stellung gegen den 175 und legte die Grundzüge seiner noch nicht ganz ausgereiften Theorie der Homosexualität dar. Im gleichen Jahr gründete sich unter seiner Leitung in Berlin-Charlottenburg das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee", über das hier in Rosa Rauschen bereits mehrfach berichtet wurde. Die Hauptanliegen des WhKs waren die Beseitigung des Paragraphen 175 und die wissenschaftliche Erforschung der Homosexualität. Hirschfeld pflegte den Kontakt zu vielen Politikern, die der Arbeit und den Anliegen des WhKs wohlwollend gegenüber standen. So versuchte er Einfluß zu nehmen auf die politischen Entscheidungen, u.a. bei geplanten Änderungen des Sexualstrafrechtes.
Magnus Hirschfeld konzentrierte sich in seiner Arbeit nach 1918 auf eine Konsolidierung und Ausweitung der in der Weimarer Zeit noch als unanständig geltenden Sexualwissenschaft. Das von ihm gegründete "Institut für Sexualwissenschaft" in Berlin, oft auch "Hirschfeld-Institut" genannt, erreichte durch seine fundierte und qualitativ hochwertige wissenschaftliche Arbeit bald internationale Bedeutung. Ziel des Instituts war es, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Sexualität zu erlangen, die sich dann in eine aufgeklärte Sexualgesetzgebung umwandeln lassen. Hirschfeld, der als schwuler Jude gleich zwei diskriminierten Minderheiten angehörte, glaubte unerschütterlich an die Machbarkeit und politische Fortschreibung von Aufklärung.
1919 entstand der Film "Anders als die Anderen", einer der ersten Filme mit homosexueller Thematik. In den erklärenden, wissenschaftlichen Szenen des Films trat Magnus Hirschfeld als Aufklärer auf. Ein 25minütiges Fragment des Stummfilmes hat in einem Moskauer Filmarchiv die wütende Verfolgung alles Homosexuellen durch die Nazis überlebt. Als exponierter Vertreter der sexuellen Aufklärung war Hirschfeld den polemischen und verletzenden Angriffen von konservativen und rechten politischen Gruppierungen ausgesetzt. 1920 wurde er nach einem Vortrag in München von völkischen Studenten mit einem Stück Eisen niedergeschlagen und erheblich verletzt. Weitere Attentate folgten in den Jahren 1921 und 1923. Aber auch in der Schwulenbewegung selbst war Hirschfeld nicht unumstritten, und es gab z.T. heftige Angriffe gegen ihn von anderen Schwulen-Verbänden, da Hirschfelds WhK beim politischen Kampf um den 175 Ende der 20er Jahre die Führerschaft beanspruchte.
Nachdem im Strafrechtsausschuß des Reichstages 1929 mit knapper Mehrheit die Abschaffung des 175 beschlossen worden war - eine Abstimmung darüber im Reichstag fand wegen der krisenhaften Entwicklung der Weimarer Republik nicht mehr statt - nach der Entscheidung wurde der Abstimmungssieg im Strafrechtsausschuß im Kreise des WhKs gebührend gefeiert. Nach seinem unermüdlichen Einsatz für diesen Erfolg trat Magnus Hirschfeld 1930 eine Weltreise an, um für seine Sache zu werben. Bei seiner Rückkehr nach Europa flüchtete er zunächst in die Schweiz und dann nach Frankreich. Er starb 1935 in Nizza. Sein Werk, sein Beispiel bleiben maßgebend. Magnus Hirschfeld war gleichermaßen ein Kämpfer und ein Mann der Wissenschaft, der der weiteren Emanzipation der Schwulen den Weg ebnete.
Inhaltsverzeichnis
Vorrede und Einleitung V
Erster Hauptteil.
Homosexuelle Männer und Frauen als biologische Erscheinung.
Erstes Kapitel. Name und Begriff der männlichen und weiblichen Homosexualität 3
Zweites Kapitel. Die Diagnose der Homosexualität des Mannes
und des Weibes: Das Verhalte n homosexueller Männer
und Frauen gegenüber dem eigenen Geschlecht 40
Drittes Kapitel. Die Diagnose der Homosexualität des Mannes und
des Weibes: Das Verhalten homosexueller Männer und
Frauen gegenüber dem anderen Geschlecht 80
Viertes Kapitel. Kindheit und Reifezeit urnischer Knaben und
Mädchen. Frühdiagnose der Homosexualität 108
Fünftes Kapitel. Die Diagnose der männlichen und weiblichen
Homosexualität: Sexuelle Inkongruenzen:
a) Andersgeschlechtliche Einschläge auf körperlichem Gebiete 125
Sechstes Kapitel. Die Diagnose der männlichen und weiblichen
Homosexualität: Sexuelle Inkongruenzen:
ß) Andersgeschlechtliche Einschläge auf dem Gebiete des
Nerven- und Seelenlebens 148
Siebentes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Freundschaft
und gleichgeschlechtlicher Liebe 179
Achtes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualität und
Pstudo-Homosexualität 187
Neuntes Kapitel. Differentialdiagnose • zwischen Homosexualität
und Bisexualität 197
Zehntes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualität
und heterosexuellem Horror 216
Elftes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualität und
den drei übrigen Gruppen der Geschlechtsübergänge:
Hermaphroditismus, Gynandromorphie und Transvestitismus 222
Zwölftes Kapitel. Untersuchungsmethode homosexueller
Männer und Frauen 237
Dreizehntes Kapitel. Einteilung der männlichen und weiblichen Homosexualität: Allgemeine Gesichtspunkte 264
Vierzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer
persönlichen Eigenart 271
Fünfzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer
Geschmacksrichtung und den Betätigungsformen 279
Sechzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexualität nach Entstehung und Begleiterscheinungen 295
Siebzehntes Kapitel. Ursachen und Erklärung der männlichen und weiblichen Homosexualität: Gründe für das Angeborensein der Homosexualität 308
Achtzehntes Kapitel. Gründe gegen das Angeborensein der Homosexualität 325
Neunzehntes Kapitel. Die menschliche Doppelgeschlechtigkeit als Grundlage der männlichen und weiblichen Homosexualität (Zwischenstufentheorie) 348
Zwanzigstes Kapitel. Ist Homosexualität Entartung, Krankheit oder Varietät? 30
Einundzwanzigstes Kapitel. Behandlung und Prognose der
männlichen und weiblichen Homosexualität. Behandlung
durch heterosexuellen Verkehr (Ehetherapie) 396
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Über medikamentöse, hygienische, operativ e und psychische Behandlung der männlichen und weiblichen Homosexualität 415
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Adaptionsbehandlung (Anpassungstherapie) der Homosexualität 439
Zweiter Hauptteil.
Die Homosexualität des Mannes und des Weibes als soziologische Erscheinung.
Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Verbreitung der männlichen
und weiblichen Homosexualität. Statistische Unterlagen 465
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualität in den verschiedenen Bevölkerungsschichten 494
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualität in den germanischen und angelsächsischen Ländern und deren Kolonien 526
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualität in den romanischen Ländern und deren Kolonien 561
Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualität in Osteuropa und Asien 590
Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualität im Tierreich 629
Dreißigstes Kapitel. Die Roll e homosexueller Männer und
Frauen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Symbiose der Homosexuellen 636
Einunddreißigstes Kapitel. Gruppenleben und Sammelstatten homosexueller Männer und Frauen 675
Zweiunddreißigstes Kapitel. Bündnisformen homosexueller
Männer und Frauen 700
Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Geschichte der Homosexualität. Die Homosexualität i m klassischen Altertum 737
Vierunddreißigstes Kapitel. Die Verfolgung homosexueller
Männer und Frauen durch Gesetz und Gesellschaft 810
Die einschlägigen Gesetze der Erde 842
Fünfunddreißigstes Kapitel. Die Verfolgung der Homosexuellen
durch Erpresser und Chanteure 873
Sechsunddreißigstes Kapitel. Die Folgen der Verfolgung 899
Siebenunddreißigstes Kapitel. Die zivil- und strafrechtliche Begutachtung homosexueller Männer und Frauen 918
Achtunddreißigstes Kapitel. Die Rehabilitierung homosexueller Männer und Frauen. Vorläufer des Befreiungskampfes von Goethe bis Krafft-Ebing 942
Neununddreißigstes Kapitel. Die organisierte Bewegung
gegen die Verfolgung der Homosexuellen. Die geistigen Förderer des Befreiungskampfes 973
Namenregister 1027
Länder- und Ortsregister 1044
Sachregister 1050