Die Konzentrationslager waren im Nationalsozialismus seit 1933 allgemein bekannte Einrichtungen. Während in der Nachbarschaft der Lager das Geschehen oft detailliert beobachtet wurde, blieb man aus der Distanz vor allem auf gelegentliche Zeitungsberichte oder auf Gerüchte angewiesen. Für viele Menschen galten die Konzentrationslager als selbstverständlicher, akzeptierter und im Lauf der Jahre immer weniger beachteter Bestandteil des NS-Staates.Anhand des KZ-Systems Mauthausen-Gusen (1938–1945) rekonstruiert diese Studie, wie NS-Propaganda und langfristig gewachsene Einstellungen in der Bevölkerung zusammenwirkten, um die Lager an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. Dabei wird ein interdisziplinärerer Zugang verfolgt, der geschichtswissenschaftliche, diskursanalytische, publizistische, kunstgeschichtliche und literaturwissenschaftliche Ansätze verbindet.Die Rede vom KZ für „Berufsverbrecher“ in der Presse, die Darstellung des KZ und insbesondere von KZ-Steinbrüchen als produktive „Industrielandschaft“ in der Kunst und die von der NS-Heimatdichtung geschürte Aggression gegen innere oder äußere „Feinde“ trugen dazu bei, dass die „deutsche Volksgemeinschaft“ sich selbst feiern konnte, während die „Gemeinschaftsfremden“ in den Konzentrationslagern abseits öffentlicher Aufmerksamkeit systematisch vernichtet wurden.Christian Angerer ist Germanist und Historiker, Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und bei ERINNERN:AT. (Verlagstext)
Inhaltsverzeichnis:
Prolog. Propaganda und Resonanz..................................................................................7
Erstickte Öffentlichkeit. Nachbarschaft und Kontaktzonen des Lagers..................... 13
Am Rande der Wahrnehmung. Das Konzentrationslager Mauthausen
in der nationalsozialistischen Presse.............................................................................33
Die deklarierte Funktion der nationalsozialistischen Konzentrationslager - „erziehen“
oder „auf die Dauer unschädlich [...] machen“.....................................................................33
„Konzentrationslager“ in der Presse seit 1900 - zur diskursiven Aufladung
eines Begriffes.........................................................................................................................40
„Arbeitslager in Mauthausen“ - die fremde „Insel“ im Heimatland.......................................48
Steinbruch bei Mauthausen an der Donau. Diskursanalytische Anmerkungen zur
Karriere eines Fotos im 20. und 21. Jahrhundert........................................................ 67
Quellenkritik............................................................................................................................67
Diskurs 1933 - Arbeit und Heimat.........................................................................................69
Diskurs 1940 - Heimatboden und „Volksgemeinschaft“........................................................73
Diskurs 2001 - der verführte Jüngling................................................................................80
Diskurs 2014 - die Unzuverlässigkeit der Kunst...................................................................84
Archäologie der Diskurse.........................................................................................................85
Gemalter Granit. Von der Spaltung des Gesteins und des Bewusstseins.................. 89
Gemälde von KZ-Steinbrüchen?..............................................................................................89
Wilhelm Dachauers Gemälde vom Heinrichsbruch in Mauthausen -
von der Familiengabe zur NS-Kunst.........................................................................................92
Mythos Granit........................................................................................................................109
Erich Merckers Bilder der KZ-Steinbrüche in Flossenbürg - gespaltenes Bewusstsein . . 116
Erich Merckers Bilder des Steinbruchs Wiener Graben im KZ Mauthausen -
Landschaft mit Industrie.......................................................................................................130
„Die Allianz von Kunst und Barbarei“....................................................................................140
Ein Schrei in der Stille. Das Lager und die Literatur.................................................. 145
Mauthausen 1941 - ein Aufschrei aus demAmsterdamer Exil......................................... 145
Die aggressive Idylle - Leerstellen der nationalsozialistischen Heimatdichtung..............155
Epilog. Diskurse und Mythen........................................................................................167
Abkürzungsverzeichnis..................................................................................................170
Bibliografie.......................................................................................................................171
Archive und Museen............................................................................................................... 171
Quellen ................................................................................................................................171
Literatur................................................................................................................................177
Abbildungsverzeichnis.................................................................................................. 189
Personenregister.............................................................................................................190
Danke.............................................................................................................................. 192