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9 von 2751
Das sexuell frühreife Kind
VerfasserIn: Künkel, Ruth
Verfasserangabe: Ruth Künkel
Jahr: 1926
Verlag: Dresden, Verl. Am andern Ufer
Mediengruppe: Buch
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Inhalt
V O R w O R T Anfänglich nur eine nervenärztliche Methode, be- gründet um 1905 von Alfred Adler, hat sich die In- dividualpsychologie ein Lebensgebiet nach dem andern erschlossen und mit ihrer grundsätzlich neuen Be- trachtungsweise neues Lieht über viele bisher dunkle und umstrittene Fragen unseres Kulturkreises ver- breitet. Pädagogik, Verwahrlostenfürsorge, Kultur- geschichte, Soziologie erfahren durch sie eine uner- wartete Bereicherung. Noch ist die Anwendungsmög- lichkeit dieser Lehre auf sämtliche Zeitprobleme nicht ausgeschöpft, doch schon kann die Individualpsycho- loeie für mehr gelten als eine therapeutische Methode oder eine praktische Lebenslehre. All unsere Be- ziehungen zu Welt und Menschen und unser Wissen darüber stellt sie in ein neues Licht. Bewußt oder unbewußt liegt der bisher anerkannt gewesenen Menschenkunde der Bibelsatz zugrunde: Der Mensch ist böse von Jugend auf. Adler lehrt: Ursprünglich, angeboren, triebhaft lebt in jedem Menschen das "Gute" - das Gemeinschaftsgefühl. Wie auch körperliche, soziale, erzieherische Note es bedrängen, es ist da und drängt immer wieder nach Gestaltung. Aber der Mensch ist nicht nur Gemein- schaftsglied, er ist auch Individuum. Und wie er m der Gemeinschaft (seines Volkes, seiner Klasse, seiner Berufsgenossen, seiner Familie usw.) das Sicherungs- mittel sucht für seine kollektiven Lebenswünsche, so im Geltungsziel oder in der "leitenden Fiktion der 5 Macht" seine Sicherung für die individuellen Be-* hauptungsbedürfnisse. In Zeiten und Kulturen, wo Gemeinschaft und Einzelmensch harmonisch in Wechselwirkung stehen, ist der Mensch "gesund", d.h. er kann die Aufgaben, die das Leben einem jeden stellt : Gemeinschaft, Liebe, Arbeit - ohne Hemmungen erfüllen. Ist er aber durch die Artung seiner Zeit, seiner Kultur, seines Körpers, seiner Erziehung an der freien Entfaltung des schöpferischen Gemeinschafts- gefühls verhindert, so gerät er in eine Entmutigung. Das Vertrauen zur eigenen Kraft schwindet, die Um- welt wird als feindlich und gefahrdrohend überwertet, die mitmenschlichen Aufgaben scheinen zu schwer. Es entwickeln sich Minderwertigkeitsgefühle, die durch die Erfahrungen im frühen Kindesalter so ent- scheidend vertieft werden können, daß sich ein ner- vöser Charakter formt und ein nervöser Lebensplan ausbildet. Die Lehre vom freien Willen wird hier in eine neue Beleuchtung gerückt. Wir sind weder gebunden noch frei. Gebunden zwar durch das, was Vergangen- heit und Gegenwart uns biologisch, soziologisch, päd- agogisch als Material bieten. Frei aber in der wählen- den Stellungnahme zu diesen "Material- Gegeben- heiten", in der "Einstellung". Adler geht so über die naturwissenschaftliche, nur-kausale Betrachtungs- weise hinaus und lehrt: Kausierende (ursächliche) Kräfte schieben uns- finale (zielsetzende) Blickpunkte aber leiten diese Schübe in diese oder jene Richtung. So schlägt sich die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft des Einzelnen wie der Menschheit. Ob die Zielsetzung gemeinschaftsfördernd, kulturell nütz- lich, glückbringend, und das Leben dementsprechend "gesund" ist - oder ob unter dem verzaubernden 6 Blick eines "fiktiven Persönlichkeitsideals" die Cha- rakterzüge und Leitlinien, ja die ganze Lebensweise einen asozialen, menschenscheuen, egoistischen Ton bekommen, ob der Mensch nervös oder neurotisch wird, sich selbst und allen zur Last - das ist eine Frage starken oder schwachen Mutes und Gemein*- schaftsgefühls. Keine Frage der Veranlagung, Be- lastung, Begabung, des Schicksals, Glücks oder Pechs- eine simple Frage des größeren oder geringeren Mutes 1 "Alle Menschen, gleich geboren, sind ein ade- liges Geschlecht!" Das soziologisch bedeutsame Moment ist darin zu sehen, daß hier für alle programmatischen Forde- rungen der reinen Demokratie, des Sozialismus und Kommunismus zum erstenmal die psychologische Fundierung gegeben ist. Die Menschen alle "können - nur ihre "Nervosität", d.h. ihre Entmutigung, und ihre falsch, weil asozial kompensierten, in Ehrgeiz, Machtwahn, Feigheit und Sonderlingswesen sich äußernden Minderwertigkeitsgefühle hindern sie vor- läufig daran. Der einzelne Neurotiker kann heute schon durch ärztliche oder heilpädagogische Beein- flussung relativ gesund gemacht werden. Die Ent- mutigung, die Ursache alles Übels, kann abgeschwächt werden durch autoritätsfreie Erziehung. Aber die Neurose als Zeitkrankheit, als Massenerscheinung bedarf zu ihrer Heilung eines Gesellschaftszustandes, in dem jeder den "gleichen Start" hat, jeder von einer von der Herrschaftsparole des Oben-Unten befreiten Gemeinschaft Ermutigung und Antrieb erfährt, wo jeder die Möglichkeit vorfindet, Gemeinschaftswillen und individuelles Sicherungsinteresse harmonisch zu vereinigen, wo allen Konflikten zwischen "Ich" und "Wir" der Boden entzogen ist. 7 Die Individualpsychologie ist so einfach, daß man sie für platt gehalten hat, sie sagt das eigentlich Selbst- verständliche, nur daß eben niemand dieses Selbst' verständliche bisher gesehen hat, weil alle Wissen' schaft unbewußt durchsetzt war von derselben Neurose, die sie erklären und beseitigen wollte! Die Indivi' dualpsychologie räumt mit all dem wissenschaftlichen Spuk auf, der uns belastet, und ist schon durch ihr Dasein ein Ermutigungsmittel. Wer sie einmal be' griffen hat, kann sich ihr nicht mehr entziehen, muß ihre Konsequenzen auch praktisch auf sich nehmen. Der Bruch mit der bisherigen Psychologie und Psychiatrie, den die Individualpsychologie vollzogen hat, ist charakteristisch für unsere Zeit, in der alles Alte zerbröckelt, überall Neues wächst. Für den, der diese Zeit als Geburtsstätte einer neuen Gesell' schaft erlebt, ein wertvolles Wetterzeichen, für den, der noch am Bestehenden festklebt, ein Aufruf, nach' denklich zu werden, ehe der Schritt der Zeit über ihn hinweggeht. Für jeden eine praktische Lebenshilfe in täglichen Konflikten und eine theoretische Basis für selbständiges Weiterdenken. Die Psychologie des "nervösen Charakters" ist die Psychologie des Europäers von 1926 . Aus der Zeit entstanden, ist sie nur aus der Zeit zu verstehen, aber wie alle aus materiellen Untergründen erwach' senen Geistesgebilde wirkt sie selbsttätig nun auf den Gang der Geschichte ein. Sie ist, im höchsten und edelsten Sinne - zeit' gemäß und damit im höchsten und edelsten Sinne - nützlich. D IE HERAUSGEBER
Details
VerfasserIn: Künkel, Ruth
VerfasserInnenangabe: Ruth Künkel
Jahr: 1926
Verlag: Dresden, Verl. Am andern Ufer
Systematik: PN.E
Beschreibung: 26 S.
Sprache: Deutsch
Mediengruppe: Buch